Europas größter Softwarekonzern SAP legt am Donnerstag (23. April) nach US-Börsenschluss die Zahlen für das erste Quartal vor.
DAS HAT DAS UNTERNEHMEN VOR:
SAP-Chef Christian Klein steckt in der Klemme: Einerseits will er mit Funktionen Künstlicher Intelligenz (KI) bei den Kunden punkten und die Erlöse steigern. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Bloomberg hatte er dafür sogar in Betracht gezogen, bei Kunden verstärkt nutzungsbasiert statt über Aboverträge abzurechnen. KI soll integraler Bestandteil der SAP-Software werden. Bei dem Unternehmen selbst will der Manager über die Nutzung von KI bis Ende 2028 rund 2 Milliarden Euro an jährlichen Kosten einsparen.
Kleins Problem: Der Kapitalmarkt bezweifelt angesichts der fortschreitenden Möglichkeiten von KI-Programmen, dass für die Steuerung von Unternehmensprozessen in Zukunft noch SAP-Software im derzeitigen Umfang benötigt wird. So hat die Aktie der Walldorfer als Dax-Schwergewicht seit Jahresbeginn mehr als ein Viertel eingebüßt. Seit dem Rekordhoch bei 283,50 Euro im Frühjahr 2025 ist es sogar fast die Hälfte.
Dabei läuft das Geschäft eigentlich rund. Klein hat das Wachstum mit Standardbündeln für Cloudprodukte so stark angefacht und die Kosten über einen großen Stellenabbau derart gesenkt, dass das operative Ergebnis (bereinigtes Ebit) auch in diesem Jahr prozentual zweistellig zulegen soll, und zwar um währungsbereinigt 14 bis 18 Prozent.
Die Clouderlöse sollen zu konstanten Wechselkursen um 23 bis 25 Prozent anziehen. Weil im Gegenzug herkömmliche Softwarelizenzen und klassische Wartungsverträge abnehmen dürften, erwartet das Management den gesamten Produktumsatz – sprich ohne das Beratungsgeschäft – um 12 bis 13 Prozent über dem Vorjahreswert, wenn Wechselkursschwankungen ausgeklammert werden.
Klein und Finanzchef Dominik Asam haben den Anlegern im Vergleich mit den Vorjahren insbesondere ein beschleunigtes Wachstum des Gesamtumsatzes bis 2027 versprochen. Die Kosten sollen weniger stark zulegen. Grundlage für das Wachstum sind die in den vergangenen Jahren eingeheimsten Cloudverträge, deren Bestand Ende 2025 Erlöse von 21,1 Milliarden Euro auf Sicht von zwölf Monaten generieren sollte (CCB – current cloud backlog).
Bei der Entwicklung dieses kurzfristigen Auftragsbestands waren Anleger zuletzt sehr empfindlich. Auch dieses Jahr wird das Wachstum voraussichtlich weiter zurückgehen und nach Angaben des Managements leicht weniger betragen als die währungsbereinigten 25 Prozent aus dem Vorjahr.
Der freie Mittelzufluss soll dieses Jahr bei rund 10 Milliarden Euro liegen. Über zwei Jahre will der Konzern zudem eigene Aktien im Umfang von bis zu 10 Milliarden Euro zurückkaufen.
DAS ERWARTEN ANALYSTEN:
Das erste Quartal ist bei SAP traditionell das mit dem geringsten Geschäftsvolumen. Vom Konzern befragte Analysten rechnen im Jahresvergleich mit einem Umsatzplus in der Cloud von 18 Prozent auf 5,87 Milliarden Euro. Insgesamt dürften die Erlöse um sechs Prozent auf 9,53 Milliarden Euro zulegen. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern taxieren die Experten elf Prozent im Plus bei 2,71 Milliarden Euro. Unter dem Strich sollte der Gewinn je Aktie demnach von 1,52 Euro auf 1,59 Euro gestiegen sein.
Zu den beharrlichen Anlegersorgen wegen der Konkurrenz durch KI kämen scheinbar aktuell wieder verstärkt Konjunkturbefürchtungen hinzu, schrieb Citi-Analyst Balajee Tirupati in seinem Ausblick. Umfragen deuteten eine gemäßigtere Investitionsneigung der Kunden an. Seiner Meinung nach hat SAP nur ein geringes Risiko, von KI-Innovationen in Bedrängnis gebracht zu werden. Gesprächen mit Investoren zufolge liege die Latte für die Erwartungen rund um die Walldorfer nun niedriger. Die Aktie dürfte sich aber zunächst bis zur SAP-Hausmesse Sapphire wenig bewegen.
Die Veranstaltung im Mai könnte laut Barclays-Experte Raimo Lenschow wegweisend für den Konzern werden. Ein Gastbeitrag Kleins in der „Financial Times“ mit dem Hinweis auf in Inkaufnahme kurzfristiger Schmerzen für strukturellen Fortschritt und weitere Äußerungen deuteten einen aggressiveren Kurs in Richtung KI-fokussiertes Unternehmen an, schrieb er.
Der Verweis auf „kurzfristige Schmerzen“ könnte ein Hinweis auf beschleunigte Investitionen sein. Eine Belastung der Marge sei für ihn aber eher eine Frage des Timings, weil die Nutzung von KI auch die Softwareentwicklung bedeutend vergünstige. Nach Ansicht von Analyst Toby Ogg von der US-Bank JPMorgan muss Klein in der Telefonkonferenz zum Quartalsbericht wohl noch einmal genau erklären, was er mit den „kurzfristigen Schmerzen“ gemeint habe. (dpa)


