Kaum ein Security-Hersteller kommt derzeit ohne KI-Versprechen aus. KI-native Start-ups drängen in den Markt, etablierte Anbieter rüsten ihre Plattformen mit KI-Funktionen nach, und in den Unternehmen wächst der Druck, die Technologie schnell produktiv zu nutzen. Der Engpass liegt damit zunehmend in der Bewertung: IT-Verantwortliche müssen entscheiden, welche Lösungen tatsächliche Risiken adressieren und welche lediglich zusätzliche Komplexität schaffen.
Dan Walker, Business Development Director der Infinigate Group, über die Prioritäten bei der Absicherung von KI und über die Rolle des Channels, die weit über den Produktverkauf hinausreichen muss.
ChannelObserver: Welche Auswirkungen hat der zunehmende Einsatz von KI im operativen Geschäft auf die Sicherheitslage von Unternehmen?
Walker: KI senkt die Einstiegshürde für Cyberkriminelle und erhöht gleichzeitig Tempo, Raffinesse und Zahl der Angriffe. Die Bedrohungslage verändert sich dadurch schneller, als viele Organisationen reagieren können. Mit dem Kauf zusätzlicher Tools ist es allerdings nicht getan, denn so einfach lässt sich Cyberresilienz nicht herstellen.
ChannelObserver: Wo sehen Sie die größte Herausforderung?
Walker: Die größte Herausforderung besteht darin, Prioritäten zu setzen. Unternehmen bewegen sich in einem unübersichtlichen Markt aus KI-nativen Start-ups und etablierten Security-Herstellern, die KI in bestehende Plattformen integrieren, und stehen intern unter Druck, schnell zu handeln. An den Grundlagen hat sich dabei nichts geändert: Transparenz, Kontrolle, Governance, Resilienz und gut informierte Mitarbeiter bleiben entscheidend. Verändert haben sich Geschwindigkeit und Ausmaß des Problems.
ChannelObserver: Welche Rolle kommt dabei dem Channel zu?
Walker: Die Unternehmen brauchen keine weitere Ebene an Fachjargon. Was sie brauchen, ist gute Beratung, praxistaugliche Optionen und Orientierung im Angebot. Channel-Partner, die diese Komplexität beherrschbar machen, sind am besten aufgestellt, um ihre Kunden bei einer sicheren und verantwortungsvollen KI-Einführung zu begleiten.
ChannelObserver: Mit welcher Herangehensweise lässt sich diese Komplexität im Kundengespräch strukturieren?
Walker: Wir als Infinigate gliedern KI-Sicherheit in fünf Bereiche: AI Powered, AI Platforms, AI People, AI Process und AI Production. Damit wird sichtbar, dass KI-Sicherheit keine einzelne Produktkategorie ist. Sie reicht von Tools und Infrastruktur über die Nutzer und die Governance bis in operative Umgebungen. Partner können mit ihren Kunden Bereich für Bereich analysieren, um zu klären, wo Handlungsbedarf besteht, und daraus die passenden Lösungen ableiten. Das Gespräch beginnt damit beim Risiko des Kunden und weniger beim Angebot der Hersteller.
ChannelObserver: Was genau meint in diesem Zusammenhang AI Powered?
Walker: AI Powered steht für den Einsatz KI-gestützter Cybersicherheit, um mit KI-gestützten Angriffen Schritt halten zu können. Cyberkriminelle arbeiten längst mit Automatisierung, um Schwachstellen schneller und gezielter auszunutzen. Das senkt die Anforderungen an das Fachwissen der Angreifer, während sich die potenziellen Opfer mit „menschlichen“ Fähigkeiten allein in diesem Tempo nicht verteidigen können.
ChannelObserver: In welchen Bereichen bringt KI für die Cyberresilienz den größten Nutzen?
Walker: Insbesondere in den Security Operations, wo KI hilft, Vorfälle schneller zu erkennen, zu priorisieren und zu beantworten. Lösungen für Network Detection and Response automatisieren beispielsweise die routinemäßige Erkennung und Triage, womit sie die Analysten entlasten. Andere Ansätze nutzen KI, um die eigene Infrastruktur proaktiv aus Sicht eines Angreifers zu testen. Voraussetzung ist in jedem Fall, dass der Einsatz auf einen klar definierten Kundenbedarf ausgerichtet ist.
ChannelObserver: Wenn wir von dem von Ihnen definierten Bereich AI Platforms, also den KI-Systemen selbst, sprechen: Welche Risiken sehen Sie dort?
Walker: Unternehmen nutzen generative KI, entwickeln eigene Anwendungen auf Basis ihrer Daten und führen zunehmend KI-Agenten ein, die eigenständig in Geschäftsanwendungen agieren. Daraus entstehen neue Risiken: Vertrauliche Daten gelangen in öffentliche KI-Tools, manipulierte Eingaben setzen das vorgesehene Verhalten eines Modells außer Kraft, und Agenten lösen Transaktionen oder Änderungen ohne ausreichend Kontrolle aus. Hinzu kommen Abhängigkeiten von externen Modellen und Integrationen, die bestehende Programme für das Lieferantenrisiko oft nicht erfassen.
ChannelObserver: Welche Rolle spielt Schatten-KI dabei?
Walker: Schatten-KI ist längst Realität. Mitarbeiter nutzen Tools, von denen Security-Teams teilweise nichts wissen, und legen dabei mitunter sensible Daten offen oder schaffen unbeabsichtigte Zugriffswege. Am Anfang muss deshalb Transparenz stehen: Unternehmen sollten eine Bestandsaufnahme erstellen, die genehmigte Tools, nicht freigegebene Nutzung und besonders risikoreiche Workflows umfasst. Ist die Nutzung sichtbar, folgen starke Identitätskontrollen, Runtime Security sowie belastbare Backup- und Recovery-Verfahren. Denn KI kann zwar in der Tat die Produktivität steigern. Ohne Kontrolle über Daten, Identitäten und Systeme vergrößert sie jedoch auch die Angriffsfläche.
ChannelObserver: Mit einem weiteren Bereich, AI People, rücken Sie den Menschen in den Mittelpunkt. Inwiefern verändert KI die Bedrohungslage für die Belegschaft?
Walker: Deepfake-Imitationen, KI-generiertes Phishing und personalisiertes Social Engineering sind darauf ausgelegt, den einzelnen Menschen zu erreichen. Die adäquate Technologie sollte möglichst viele dieser Angriffe abfangen, bevor sie bei einem Nutzer ankommen. Einige Versuche werden aber dennoch durchkommen. Deshalb ist der Mensch hier die letzte Verteidigungslinie, und dieser Bereich vielleicht der pragmatischste.
ChannelObserver: Was folgt daraus für Awareness-Programme?
Walker: Eine einmalige Schulung reicht nicht mehr aus. Gefragt sind kontinuierliche Weiterbildung, regelmäßige Auffrischung und realistische Tests. Verhaltensbasierte Simulationen bilden das tatsächliche Risiko besser ab als passive Lerneinheiten, und KI-gestützte Trainings lassen sich auf das Risikoprofil und Verhalten einzelner Mitarbeiter zuschneiden. Mit dem Einsatz von KI-Agenten erweitert sich das Thema zudem, denn neben dem menschlichen Risiko müssen Unternehmen auch autonome Agenten überwachen und steuern.
ChannelObserver: Welches Defizit adressieren Sie mit dem Bereich AI Process?
Walker: Die regulatorischen Anforderungen nehmen zu, mit NIS2, dem EU AI Act, dem Cyber Resilience Act und der DSGVO. Die Zuständigkeiten sind in vielen Organisationen jedoch weiterhin zersplittert. Ist niemand eindeutig für KI-Sicherheit verantwortlich, lassen sich Richtlinien kaum durchsetzen und noch schwerer messen. Governance muss deshalb mehr sein als ein Richtliniendokument.
ChannelObserver: Was gehört zu einer effektiven KI-Governance?
Walker: Unternehmen müssen Zuständigkeiten und verbindliche Regeln definieren, bevor die KI-Nutzung unkontrolliert wächst. Dazu gehört, den Umgang mit sensiblen, regulierten oder geschützten Daten zu regeln und festzulegen, welche Tools, Modelle und Anwendungsfälle unter welchen Bedingungen zugelassen sind. Bei agentischer KI und Entscheidungen mit großer Tragweite braucht es menschliche Aufsicht sowie technische Kontrollmechanismen wie Eskalationspfade, Freigabeschwellen und Protokollierung. Für Partner verlagert sich das Gespräch damit vom Produkt hin zu Risiko, Verantwortlichkeit und Ergebnissen.
ChannelObserver: Mit dem fünften Bereich, AI Production, verlassen Sie die klassische Unternehmens-IT. Wo sehen Sie hier die größte Dynamik?
Walker: Der Bereich umfasst Robotik und Operational Technology. Denn KI kommt zunehmend in physischen Umgebungen wie Fertigung, Transport, Energie und Versorgung zum Einsatz und bringt dort Vorteile bei Produktivität, Qualität, Sicherheit und Effizienz. Was die Absicherung hier häufig erschwert, sind Altsysteme und nicht-klassische Assets, denn sie folgen anderen Prioritäten als die Unternehmens-IT. Ihre Absicherung erfordert Transparenz über die Grenze zwischen IT und OT hinweg, Segmentierung, sicheren Fernzugriff und Virtual Patching. Hinzu kommen Richtlinien, die sich im Betrieb bewähren und nicht nur auf dem Papier bestehen.
ChannelObserver: Ihr Fazit?
Walker: Die Einführung von KI ist kein rein technisches Projekt, und ihre Absicherung ist es ebenso wenig. In einem von KI geprägten Security-Markt ist Klarheit deshalb kein Zusatznutzen. Sie entscheidet vielmehr darüber, ob Unternehmen KI mit Zuversicht einführen oder unkontrollierte Risiken eingehen.





